Vollgas mit angezogener Handbremse: Warum hochfunktionale Menschen sich auch im Stillstand verbrauchen
- Lene Tabatabaei
- vor 1 Tag
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Stunden
Du kennst das vielleicht.
Morgens um sieben schon gedanklich drei Meetings voraus. Nach Feierabend noch schnell die Mails checken – „nur kurz”. Im Urlaub irgendwie nie ganz da. Im Gespräch mit einem nahestehenden Menschen innerlich schon bei der nächsten Aufgabe.
Von außen: kompetent, verlässlich, beeindruckend.
Von innen: ein Druck, der nie nachlässt.
Die Erschöpfung, die sich hinter Leistung versteckt
Es gibt eine bestimmte Art von Erschöpfung, die kaum jemand ernst nimmt – weil sie so ordentlich hinter Produktivität verborgen bleibt. Das ist nicht die Erschöpfung nach einem Sprint. Das ist die chronische Grundspannung des Immer-Bereit-Seins.
Man macht eine Pause – und macht auch daraus noch eine Aufgabe. Liegt auf dem Sofa, geht spazieren, sitzt beim Abendessen – und trotzdem ist da dieser innere Lärm. To-dos. Was noch fehlt. Was nicht reicht. Das Nervensystem hält Bereitschaft, auch wenn es gerade nichts zu tun gibt.
Vollgas mit angezogener Handbremse
Das Bild, das dieses Muster am besten beschreibt: ein Auto, das mit Vollgas fährt – und gleichzeitig die Handbremse angezogen hat.
Geht das? Kurz schon. Man kommt sogar irgendwie voran. Aber die Kräfte arbeiten gegeneinander. Das System wird nicht geschont – es wird von zwei Seiten beansprucht. Und irgendwann zeigt sich, was das dauerhaft kostet.
Das Entscheidende dabei: Die Lösung ist nicht einfach, die Handbremse zu lösen. Wer jahrelang so gefahren ist, weiß nicht mehr sicher, was dann passiert. Ob das Auto fährt – oder wegrollt.
Die Handbremse hat nämlich einen Grund.
Woher die Bremse kommt
Sie entstand meistens früh. In Systemen, in denen Kontrolle Sicherheit bedeutete. In denen Leistung darüber entschied, ob man dazugehört. In denen Ruhe entweder verdient sein musste – oder schlicht nicht sicher war.
Das war keine Schwäche. Das war eine kluge, sinnvolle Anpassung an eine echte Situation.
Das Problem: Die Situation hat sich verändert. Und das Nervensystem weiß das noch nicht. Es fährt weiter, als wäre die alte Bedrohung noch da – Fuß auf dem Gas, Handbremse fest.
Warum man mit Willensstärke hier nicht weiterkommt
Viele Menschen, die so leben, wissen auf dem Kopf-Level längst: Ich müsste weniger machen. Mehr Pausen. Weniger Perfektion.
Und dann machen sie es trotzdem nicht. Oder sie machen es – und fühlen sich dabei schlecht. Unproduktiv. Als würden sie sich etwas stehlen.
Das ist kein Disziplinproblem. Das Muster sitzt tiefer als jeder gute Vorsatz.
Der erste Schritt ist deshalb nicht, das Verhalten zu ändern – einfach weniger Gas zu geben. Der erste Schritt ist zu verstehen, warum die Handbremse noch angezogen ist. Was in der eigenen inneren Logik passieren würde, wenn man sie wirklich losließe.
Meistens taucht da etwas auf: Angst vor Kontrollverlust. Die Überzeugung, ohne Leistung nicht genug zu sein. Die tief verankerte Gleichung: Wert = Output.
Wenn das sichtbar wird – nicht als Fehler, sondern als nachvollziehbare Geschichte –, dann verändert sich etwas. Nicht auf einen Schlag. Aber nachhaltig.
Was möglich ist
Kein Optimierungsprogramm löst diese Handbremse dauerhaft. Was hilft, ist echte Auseinandersetzung mit dem, was darunter liegt.
Wer versteht, warum die Bremse da ist, muss sie nicht mehr festhalten. Und Leistung hört auf, sich wie Überleben anzufühlen.
Du erkennst dich hier wieder? Ich freue mich über deine Gedanken – in den Kommentaren, per Mail oder im Erstgespräch.

.png)



Kommentare