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Der Bruch ist die Schönheit

1. Sept.
2 Min. Lesezeit

Über Kintsugi, Rumi und die Übung, ein Gefühl auszuhalten, statt es zu vermeiden



Wenn es eng wird, kommen wir nur durch, wenn wir die schwerste aller Übungen praktizieren: Akzeptanz.


Das gilt für Ängste, für Veränderung, für äußere Umstände, die wir nicht ändern können. Es gilt für unsere Sterblichkeit, für die unfassbar schrecklichen Dinge, die auf dieser Welt passieren und denen gegenüber wir uns machtlos fühlen. Und es gilt für die Konfrontation mit unseren Gefühlen, die uns zu überrollen scheinen und die doch untrennbar mit der Erfahrung des Lebens verbunden sind.


Es gibt kein Leben ohne Unbequemlichkeit. Es gibt kein Wachstum ohne Schmerz.


Ich liebe Kintsugi, die japanische Kunstform, bei der zerbrochenes Porzellan wieder zusammengefügt und die Bruchstellen mit Gold verziert werden – wörtlich übersetzt „Gold-Verbindung“. Der Bruch ist gleichzeitig die Schönheit, das Besondere, das, woraus wir gelernt haben.


Mein Lieblings-Zitat von Rumi lautet: "The wound is the place where the light enters you."


Wir lernen durch unsere Erfahrung. Das Leben wird schöner, reicher, interessanter, farbenfroher – durch Brüche, Verirrungen, Umwege.


Sowohl Kintsugi als auch Rumi lehren uns: Heilung und Schönheit entstehen erst, wenn wir den Schmerz oder den Bruch nicht leugnen, sondern vollständig annehmen.


Akzeptanz bedeutet nicht, alles fraglos hinzunehmen. Es bedeutet nicht, dass wir nicht aufbegehren sollten, wenn uns Unrecht getan wird. Wir ducken uns nicht weg und ertragen in Stille, was wehtut – wir entscheiden, mit welcher Haltung wir auf die Dinge blicken, die wir nicht verändern können.


Der Unterschied zwischen Machtlosigkeit und Akzeptanz liegt genau darin: Ob wir unsere Kraft gegen etwas richten, das unverrückbar ist, und damit all unsere Energie in etwas versenken, das uns nicht dient – oder ob wir bewusst mit unseren Gedanken und Gefühlen umgehen. Verstehen, warum sie sich zeigen. Ihnen nicht glauben müssen. Und wissen: Alles Leid der Welt ist vergänglich, wenn wir es zulassen.


Eine praktische Übung dazu:


Kommt ein Gefühl wie Machtlosigkeit oder Angst in dir auf, lass es wie eine Welle über dir hereinbrechen. Geh komplett rein, spüre es mit all deinen Sinnen. Erfasse seine Textur, spüre, wo im Körper es sich zeigt und wie: Druck, Enge, Schmerz? Und lass es da sein. Halte es. Sei dir bewusst, dass du es halten kannst – dass es sich „nur" um elektrische Impulse handelt, dass du nicht in Gefahr bist.


Bleib dabei, so lange es dauert. Sieh zu, wie es sich verändert, wie es abflacht, sich transformiert, auflöst – wenn du es zulässt, wenn du es akzeptierst.


Unser Schmerz besteht nämlich nicht im Halten des Gefühls, sondern im Versuch, es zu vermeiden. Akzeptanz ist einfach das Wahrnehmen dessen, was ist, ohne impulsiv darauf zu reagieren.


Wo in deinem Leben ist Akzeptanz gerade gefragt – und was passiert, wenn du aufhörst, gegen die Wellen zu schwimmen?



 
 
 

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