Burnout ist nicht deine Schuld: Was Yoga mit der Erschöpfung von Frauen, Care-Arbeit und Mental Load zu tun hat
- Lene Tabatabaei
- 15. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Viele Frauen kommen erschöpft in den Yogaunterricht. Das überrascht mich nicht.
Was mich manchmal überrascht, ist die stille Hoffnung, die sie mitbringen: dass eine Stunde auf der Matte die Woche wieder erträglich macht. Dass die Atemübung den Druck rausnimmt. Dass der Körper danach wieder funktioniert.
Ich verstehe das. Wirklich.
Und gleichzeitig möchte ich heute etwas ansprechen, das in den meisten Yogastudios keinen Platz hat – obwohl es eigentlich genau dort hingehört.
Yoga als Selfcare – und was dabei verloren geht
Yoga ist in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Werkzeuge der Selbstfürsorge geworden. Dehnübungen gegen Rückenschmerzen. Atemtechniken gegen Stress. Meditation für mehr Klarheit. Das alles ist wertvoll, und ich stehe dazu.
Aber Yoga ist ursprünglich etwas anderes. Etwas Größeres.
Der achtgliedrige Pfad nach Patanjali – das philosophische Fundament des klassischen Yoga – beginnt nicht mit einer Körperhaltung. Er beginnt mit Werten. Mit Fragen wie: Wie lebe ich? Was ist mir wichtig? Wo handle ich in Widerspruch zu mir selbst?
Yoga meint im Sanskrit yuj – Verbindung, Einheit. Nicht Entspannung. Nicht Selfcare-Routine. Sondern eine ernsthafte, manchmal unbequeme Begegnung mit sich selbst und der Welt, in der man lebt.
Und genau das möchte ich heute einlösen.
Diese Erschöpfung ist nicht persönlich – sie ist strukturell
Wenn Frauen mir erzählen, dass sie erschöpft sind, beschreiben sie meistens dasselbe Muster: der Job, der vollen Einsatz verlangt. Der Haushalt, der irgendwie immer an ihnen hängt. Die Kinder, deren Termine, Gefühle, Konflikte und Schulstress sie im Kopf tragen – auch nachts. Der Partner, dessen emotionale Verfügbarkeit sie ebenfalls mitverwalten.
Und irgendwo dazwischen: der eigene Anspruch, das alles gut zu machen, präsent zu sein, sichtbar zu funktionieren.
Das nennt sich Mental Load. Und er ist für die meisten Frauen keine Phase – er ist der Dauerzustand.
Dazu kommt die unsichtbare Arbeit, die Ökonominnen seit Jahrzehnten beschreiben und die gesellschaftlich noch immer kaum anerkannt wird: Care-Arbeit. Kinderbetreuung, Pflege, emotionale Zuwendung, das Organisieren von Alltag und Beziehungen.
Arbeit, die keine Gehaltsabrechnung kennt, keine Karriereleiter, keinen Feierabend. Arbeit, auf der unsere gesamte Gesellschaft aufbaut – und die dennoch strukturell unsichtbar bleibt.
Das ist kein persönliches Pech. Das ist System.
Was das mit Burnout zu tun hat
Und dennoch wird die Erschöpfung von Frauen meistens als individuelles Problem behandelt. Als würde jemand schlecht mit Stress umgehen, falsch priorisieren, sich zu wenig abgrenzen. Die Lösung, die dann empfohlen wird: mehr Selbstfürsorge. Mehr Yoga. Mehr Pausen.
Ich sage nicht, dass das falsch ist. Ich sage: Es reicht nicht – solange niemand benennt, was hier eigentlich passiert.
Denn das konkrete Bild davon sieht so aus: Eine Frau arbeitet acht Stunden, kauft dann ein, kocht, begleitet Hausaufgaben, trägt den Kalender der ganzen Familie im Kopf, schläft nachts nicht weil das Kind Fieber hat – und reguliert dabei noch das Wohlbefinden aller Beteiligten.
Ihre Erschöpfung ist keine persönliche Schwäche. Sie ist die logische Konsequenz einer strukturellen Überlastung, die als solche schlicht nicht anerkannt wird.
Nicht mit ihr stimmt etwas nicht. Mit der Verteilung stimmt etwas nicht.
Und hier kommt Yoga ins Spiel – aber nicht so, wie du vielleicht denkst
Yoga kann Erschöpfung lindern. Ja. Aber Yoga in seinem eigentlichen Sinn kann noch etwas anderes: Es kann dazu beitragen, die Dinge klar zu sehen. Ohne Beschönigung. Ohne vorschnelle Akzeptanz.
Satya – Wahrhaftigkeit – ist eines der grundlegenden Prinzipien im yogischen Denken. Die Verpflichtung, die Wahrheit zu benennen, auch wenn sie unbequem ist.
Und die Wahrheit ist: Eine Gesellschaft, die die Arbeit von Müttern und Frauen als selbstverständlich voraussetzt, ohne sie angemessen zu würdigen, zu bezahlen oder zu verteilen, erschöpft Menschen systematisch. Das ist keine radikale These. Das ist eine Beobachtung.
Yoga, das dieser Beobachtung Raum gibt, ist nicht weniger heilsam als Yoga, das sie ignoriert. Es ist ehrlicher. Und Ehrlichkeit – das zeigen Erkenntnisse aus Psychologie und Philosophie gleichermaßen – ist die Voraussetzung für echte Veränderung.
Zwischen Ohnmacht und Selbstwirksamkeit
Ich weiß, was jetzt kommen könnte: Aber was soll ich denn tun? Ich kann das System nicht alleine ändern.
Nein. Kannst du nicht. Und das ist nicht deine Aufgabe.
Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen zwei Haltungen: der Haltung, die sagt ich bin schuld, ich muss mehr leisten, ich muss besser werden – und der Haltung, die sagt ich verstehe, was hier passiert, und ich entscheide bewusst, wie ich damit umgehe.
Der erste Weg führt tiefer in die Erschöpfung. Der zweite – langsam, manchmal mühsam – zurück zu sich selbst.
Yoga kann dieser zweite Weg sein. Nicht als Flucht aus dem Alltag. Sondern als Ort, an dem man sich fragt: Was brauche ich wirklich? Wo ziehe ich eine Grenze? Was bin ich bereit zu tragen – und was nicht mehr?
Das ist kein bequemer Yoga. Aber es ist ein wirksamer.
Was ich mir für uns wünsche
Ich unterrichte Yoga, weil ich glaube, dass diese Praxis Menschen etwas Wesentliches zurückgeben kann: den Kontakt zu sich selbst. Die Fähigkeit, innezuhalten. Den Mut, ehrlich zu sein – mit sich und mit anderen.
Und ich unterrichte Yoga mit der Überzeugung, dass echte Selbstfürsorge nicht auf der Yogamatte aufhört. Dass sie auch bedeutet, die Strukturen zu benennen, die uns erschöpfen. Laut, wenn nötig. Klar, immer.
Denn wer versteht, dass die Erschöpfung nicht ihr Fehler ist, hört auf, gegen sich selbst zu kämpfen. Und beginnt, die Energie dorthin zu lenken, wo sie hingehört.
Und das ist mein Abschluss – und meine ehrliche Zuversicht:
Ich glaube nicht daran, dass wir auf große politische Veränderungen warten müssen, um uns besser zu fühlen. Aber ich glaube daran, dass Bewusstsein der erste Schritt ist. Dass Frauen, die verstehen, warum sie erschöpft sind, anders mit sich umgehen. Milder. Klarer. Stärker.
Yoga gibt uns dafür einen Raum. Einen, der nichts schönredet. Einen, der aber auch nicht verzweifelt – sondern der fragt: Was
ist möglich, von hier aus?
Sehr viel. Das glaube ich wirklich.
Dieser Artikel hat etwas in dir berührt? Ich freue mich über deine Gedanken – in den Kommentaren, per Mail oder beim nächsten Kurs.

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